Kunstkritikerin & Kuratorin

Her mit deinen Daten! Die transmediale 2014

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Die Hacker-Community will raus der Nerd-Nische und verpasst dabei ihre Chance eine Brücke zwischen utopischem Kunstprojekt und Praxisanwendung zu schlagen.

Das Medienfestival transmediale in Berlin erlebte dieser Tage einen nie gekannten Medienhype. Hat die Revolution im Internet tatsächlich bereits stattgefunden und befinden wir uns mitten im „afterglow“, wie das Thema von Festivalleiter Kristoffer Gansing es nahe legt? Das lautet: „The revolution is over. Welcome to the afterglow“. Oder hat die Revolution im Internet womöglich noch gar nicht begonnen?

Das Internet hat das Horrorszenario vom Gläsernen Menschen wahr gemacht. Nicht nur das sog. soziale Netzwerk Facebook analysiert, was wir täglich „liken“, wer unsere Freunde sind, wie es mit unserer politischen Einstellung steht, welcher Religion wir angehören oder welche Informationen wir austauschen. Auch Google, Yahoo, Amazon und Co. sammeln fleißig, speichern und werten unser Daten aus, ohne dass wir Einblick in ihre Statistiken bzw. Archivarbeit erhalten, geschweige denn, dass wir jemals gefragt wurden, ob wir unsere Wünsche, unser Lese- und Kaufverhalten kostenlos für Marketingzwecke zur Verfügung stellen wollen.

Das Internet hat große Sicherheitslücken. Das wissen wir. Doch welche Konsequenz ziehen wir aus der Erkenntnis, dass wir unter ständiger Beobachtung stehen und unsere privaten Daten nicht sicher sind?

„Jeder Mensch sollte so etwas wie eine persönliche Datenbörse besitzen, in die alle Daten einfließen, die irgendwo über ihn gesammelt werden. Unternehmen, die Daten sammeln, müssten verpflichtet sein, dem Bürger regelmäßig mitzuteilen, welche Daten sie über ihn haben. Und dann entscheidet der Bürger selbst, was damit gemacht werden darf, ob und wofür er die Daten freigibt“, sagte Dirk Helbing, Physiker und Professor für Soziologie an der ETH Zürich, jüngst in einem Interview mit der taz.

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Transparenz darüber zu erhalten, wer wie und was an Daten speichert, wäre gewiss ein Schritt in die richtige Richtung. Doch wer kann garantieren, dass es nicht dennoch zum Missbrauch in Sachen privater Datenspeicherung kommt? Wie es sich anfühlt, wenn sich das als praktisches Hilfsmittel bewährte I-Phone auf einmal als ein Ausspähinstrument entpuppt, konnte man auf dem seit Mittwoch im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ausgetragenen Medienfestival transmediale erfahren. Gleich am Eröffnungsabend wurden sämtliche I-Phones der Anwesenden gehackt. Das Resultat dieser Kunst-Aktion bestand in einer Flut an Emailnachrichten und einer erschwerten Kommunikation: keine Telefonate mehr, keine SMS mehr, es sei denn, man verließ den Festivalort.

Wachrütteln, aufklären, zur Eigeninitiative motivieren, das war auch das Ziel von Podiumsgästen wie Jacob Appelbaum, Laura Poitras, Trevor Paglen oder etwa Ebru Yetiskin. Sie prägten das Bild der diesjährigen transmediale und verhalfen dem Festival zu einem bislang nicht da gewesenen Medieninteresse. Das eigentliche Festivalthema „the afterglow“ funktionierte in Anbetracht der andauernden Debatten um die Spionageaktionen der NSA allenfalls noch als Fußnote. Viel dringlicher als die Frage, was mit unserem täglich anfallenden Datenmüll passiert, ist momentan das Problem, wie wir unsere Daten in Zukunft sicher verwalten können?

Einmal mehr hat es die transmediale allerdings verpasst, neben den ohnehin größtenteils bereits bekannten Themensträngen auch praktische Lösungsvorschläge anzubieten. Aufgrund der versammelten Hacker-Community sowie den Sicherheitsexperten, politischen Aktivisten und Vordenkern hätte sich dieser Think-Tank geradezu für einen Zusammenschluss an Ideen angeboten. Möglicherweise funktionieren derlei Netzwerke besser abseits der öffentlichen Bühnen.

Die „Art Hack Berlin afterglow“, deren schwierige Aufgabe es war, auf den anfallenden Datenmüll in Form von Kunstprojekten zu reagieren, blieb hinter ihren Möglichkeiten zurück. Größtenteils zu verspielt mit Blick auf den Ernst der Lage wirkten die in einer Ausstellung vorgestellten Medienarbeiten. So gewann man den Eindruck, die Hacker-Community befindet sich nach wie vor auf Orientierungssuche und hat ihren eigentlichen Platz bzw. ihre Rolle noch nicht gefunden und changiert stattdessen im Niemandsland zwischen Technokultur und Internetaktivismus. Wie dies schon vor ca. zehn Jahren der Fall war, ging es bei vielen der vorgestellten Arbeiten erneut darum, den Nutzer spielerisch in die Projekte einzubeziehen oder ein digitales Gerät wurde zu einem analogen umfunktioniert. Der dänische Künstler Dennis De Bel hat beispielsweise ein I-Phone derart umgebaut, dass es Rauchzeichen geben kann. Er habe mit dieser Videoarbeit auf eines der ältesten menschlichen Kommunikationsmittel hinweisen wollen, erklärte der Däne, Jahrgang 1984, sein Konzept auf der transmediale.

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Dem Datenklau mit Ironie zu begegnen, dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn die gesamte Ausstellung jedoch aus ähnlich schnell hervorgebrachten Statements besteht – in 48 Stunden sind die Beiträge laut transmediale aus einem Workshop hervorgegangen – stimmt erstens die Abmischung nicht und zweitens fehlt es an reflektierten Positionen, die mehr sein wollen als pure Spielerei. Immerhin waren sowohl die Ausstellung als auch die daran geknüpften Künstlergespräche sowie einige der Panels kostenlos zugänglich. Bleibt dennoch die Frage, weshalb während des Festivals kein Film von Laura Poitras gezeigt wurde? Dies wurde ebenso verpasst wie auch in der Ausstellung Lösungsvorschläge anzubieten, die uns Usern zeigen, wie wir den Begehrlichkeiten von Firmen, an unsere Daten zu gelangen, entgehen können.

Zum Schluss noch ein Link zu Jacob Appelbaums Vortrag an der transmediale, den anzusehen, ich jedem empfehlen möchte. Appelbaums Stärken liegen eindeutig in der Sichtbarmachung von Abhör-Strukturen, als Künstler würde ich ihn nicht einordnen wollen, so allerdings geschehen auf der transmediale: https://www.youtube.com/watch?v=ndx0eox0Lkg