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Verbergen ist eine Kunst

PHOENIX AUS DER ASCHE

Das wiedereröffnete Fotografie Forum Frankfurt zeigt Viviane Sassens originäre Modefotografien

VON HORTENSE PISANO

taz.die tageszeitung
16.06.2014

Da wäre jener Junge zu erwähnen, über dessen Rücken sich eine milchig weiße Flüssigkeit ergießt. Ebenso rätselhaft wie verstörend wirkt eine Aufnahme, auf der ein Mädchen zur Hälfte in einem Bettlaken verschwindet. Ihr nach hinten gebeugtes Gesicht bleibt anonym. Es ist der menschliche Körper, der hier surreal und dramatisch zugleich vor einer Art Leinwand in Szene gesetzt wird.

Starke Bilder, die sich einprägen und die von einer stillen Schönheit und oft auch einer aufwühlenden Anklage sind, hat die niederländische Fotografin Viviane Sassen während ihrer zahlreicher Reisen durch Afrika geschaffen. Für ihre Fotostrecke erntete sie im Vorjahr auf der Kunstbiennale in Venedig viel Lob, weil es ihr gelingt, die Intimität der abgebildeten Menschen zu wahren.

Körper als Material

Auf ihren zwischen Reportage-Fotografie und Inszenierung angelegten Arbeiten bringt sie den Körper als wunderbar wandelbares Material und als abstrakte Fläche zur Entfaltung. Ihre offenkundige Vorliebe für bunte Farben und blumige Muster, ihr Spiel mit Licht und Schatten hängt mit ihrer eigenen Erinnerung an Afrika zusammen. Sie, die heute in Amsterdam lebt, hat als Kind mit den Eltern einige Jahre in Kenia verbracht.

Doch nicht Sassens traumartige Bildserien „Flamboya“ oder „Parasomnia“, die sich so inspirierend Afrika zuwenden, stehen derzeit im Mittelpunkt ihrer Überblicksschau im Fotografie Forum Frankfurt (FFF). Sieben lange Jahre war die Institution ohne feste Bleibe und entsprechend auch ohne Ausstellungen. Jetzt kann sie auf der ersten Etage eines umfassend sanierten Altstadthauses einen Parcours präsentieren, der sich auf rund 300 Quadratmeter der erfolgreichen Modefotografin Viviane Sassen widmet. Für das FFF erweist sich die Auftaktschau, die in Teilen auch im Huis Marseille Museum in Amsterdam zu sehen war, in den neuen Räumen als Glücksfall. Denn erfreulich experimentell nähert sich die Präsentation, die ein Nebeneinander an Bildern unterschiedlicher Formate und Themenstrecken aus 18 Jahren vorstellt, dem Begriff „Modefotografie“.

Mode, vor allem tragbare, spielt zu Beginn von Sassens Karriere eine untergeordnete Rolle. Inspiriert von Nan Goldins fotografischen Streifzügen durch die US-Schwulen- und -Undergroundszene und von Larry Clarks freizügigen Darstellungen jugendlicher Sexualität beginnt Sassen ab dem Jahr 2000 Kollegen und Freunde in ihre Fotostrecken miteinzubeziehen. Den Platz für ihre Körperakte, die laut Sassen viel mit der Erforschung ihrer eigenen weiblichen Sexualität zu tun hatten, findet sie in den entsprechenden Independent-Magazinen. Dazu zählt das in den 1990ern gegründete französische Fashionmagazin Purple oder das auf popkulturelle Themen ausgerichtete britische Magazin Dazed & Confused, die ähnlich wie Sassen Mode und Kunst als Einheit denken.

Ganz gleich, wie lasziv Sassens Models vor der Kamera posieren. Ob es sich um ihre ersten Auftragsarbeiten handelt, für die ihr Emmeline de Mooij noch Model stand, oder um eine aktuelle Modestrecke, stets betreibt die Niederländerin die Kunst des Verbergens und der Verfremdung. Auf ihrer Kutt-Magazin-Serie (2003) sind es die Gliedmaßen eines unerkannt bleibenden Models, die mit de Mooijs Körper fremdartig verschmelzen und ihn auf diese Weise surreal verzaubern.

Gerade weil Sassens frühe Magazinarbeiten nicht die Perfektion ihrer neueren Modefotografien erreichen, verdeutlicht „In and out of Fashion“, dass sie von Beginn an eine an den Effekten der modernen Avantgarde geschulte und dabei ganz eigene, zeitgemäße Bildsprache anstrebte. Eine Bildsprache, die sich wohltuend von den puppenhaften Schönheitsidealen abhebt, wie sie nach wie vor das Bild der Frau in den bekannten Modemagazinen prägen.

Gesichter im Schatten

Möglichst alles von ihren Models zu zeigen, ist – anders bei dem umstrittenen Modefotograf Terry Richardson -, wie gesagt, nicht Sassens Ding. Oft bleiben die Gesichter ihrer Models in der Dunkelheit eines Schattens verborgen, werden von drapierten Stoffbahnen umhüllt oder verschwinden hinter einem Bausch bunter Kleider, so etwa auf dem Bild mit dem vielsagenden Titel „In Bloom“ von 2011. Auch Sassens Fotografien, die den intuitiven Moment beschwören, kommen nicht ohne eine konzeptuelle Vor- und digitale Nachbearbeitung aus. Diesen fotografischen Prozess thematisiert die Schau in Form von Skizzenbüchern und Bildern aus Sassens Serie „Foreplay“, die am Rande ihrer Fotoshootings entstanden sind.

In der Mitte des Rundgangs lädt dann eine „Black Box“ zum Videoschauen ein. Über 300 Modefotografien, produziert von Sassen für internationale Modelabels, ziehen dort wie am laufenden Band am Auge des Betrachters vorbei. Selbst die Flut projizierter Bilder mindert Sassens originäre und lebendige Bildsprache nicht. 

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Wohin geht’s zur Biennale, wo ist denn die Kunst?
Die 8. „Berlin Biennale“ beschäftigt sich mit der städtebaulichen Entwicklung der Hauptstadt und zeigt doch weit darüber hinaus. Sie führt an etliche Randzonen der Erde und will wissen, was der Begriff „Kultur“ in Verbindung zur Wissenschaft und Kunst heute bedeutet. In Anbetracht derart gewichtiger Fragen wird die Kunst bisweilen zu einem Nebenschauplatz. 
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Ganz schön stressig ging es dieser Woche in Berlin zu. Gut zwanzig Tage vor dem Start der Messe „Art Basel“ strömte die Kunstwelt zahlreich in die Hauptstadt und fand dort einen Reigen an Biennale- und Festivaleröffnungen vor. Den Beginn machte am Mittwochabend die „Berlin Biennale“, deren 8. Ausgabe an drei getrennten Orten – im Haus am Waldsee, in den Museen Dahlem und in den Kunstwerken – der internationalen Gegenwartskunst eine diskursive Plattform eingerichtet hat.

Das Haus der Kulturen der Welt konterte am Abend darauf mit einem nicht minder ambitionierten Programm: Das 3. „Documentary Forum“ bewegte sich vier Tage entlang der Schnittstellen Performance, Film, Fotografie und Kunst, um innerhalb dieser Grenzbereiche über die Spannung und Paradoxa bei der Herstellung von Narration sowie die Bedeutung bei der Gestaltung gesellschaftlicher Realität und gelebter Erfahrung nachzudenken. Rabih Mroués schilderte in der Ich-Perspektive, wie er im Alter von 17 Jahren um ein Haar sein Leben, seine Erinnerungen und darüber hinaus seine Fähigkeit zu sprechen verlor. Die gewaltsame Zerstörung seines Sprachvermögens war die Folge einer Kopfschussverletzung, die er sich als Passant auf der Straße während des Bürgerkrieges im Libanon zugezogen hatte, so die Erzählung, und den Verlust der seit seiner Kindheit eingeübten Wahrnehmungsmustern zur Kommunikation mit und zur Annäherung an die Außenwelt bedingte. Diese sehr persönliche Erzählung, vorgeführt ohne viel Medien-Tam-Tam – mithilfe von zwei Aufnahmegeräten und einer Projektionsleinwand – bildete den gelungenen Auftakt des Festivals.

Dann ein Szenen- und Themenwechsel. Mit Kyoichi Tsuzukis skurriler, popkultureller „Late Night Lecture“ endete am Donnerstagabend im HAU das zehntägige Festival „Japan Syndrome“, das Kulturschaffende dazu eingeladen hatte, sich mit dem ernsten Thema Kunst und Politik nach Fukushima auseinanderzusetzen. Während nun andernorts mit ziemlicher Sicherheit eine thematische Einheitswurst über die Veranstaltungen gestülpt worden wäre, tut Berlin gut daran, sich eine facettenreiche Theater- und Kunstszene zu leisten und wird dies hoffentlich auch in Zukunft genauso fortführen.

Das Museum als Erinnerungskammer

Juan A. Gaitàn, der vierzigjährige kolumbianisch-kanadische Kurator der diesjährigen Berlin Biennale legt mit seiner Ortswahl jedenfalls deutlich den Finger in die Wunde, welche der Abriss des Palastes der Republik zugunsten des derzeit in Rekonstruktion befindlichen Stadtschlosses innerhalb der Berliner Architekturlandschaft geschlagen hat. Inwieweit wird Geschichte bemüht, die Hegemonie bestimmter vorherrschender Erzählungen zu verfestigen, so lautet die spannende Ausgangsfrage Gaitáns. Nach Berlin eingeladen hat er rund 50 KünstlerInnen aus aller Welt, die sich mit ihren größtenteils neu geschaffenen Arbeiten dem Phänomen Stadt, insbesondere dem Museum als Wissensspeicher annähern.

Diese Biennale führt in eine regelrechte Erinnerungskammer, in das idyllisch gelegene Gebäude-Ensemble Museen Dahlem, das von außen einem modernen funktionalen Architekturkörper gleicht, in dessen Inneren die Zeit jedoch schon lange still zu stehen scheint. Niemand, kein Politiker, Direktor oder Kurator scheint sich daran zu stören, dass die Art und Weise, wie Kultur in den weiträumig angelegten Hallen nacherzählt wird, größtenteils überholt ist. Platz wäre dabei satt. Und die einzigartigen Exponate sprechen ohnehin für sich. In einigen Jahren, 2019, soll das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum dann in das Humboldt-Forum nach Berlin Mitte umziehen. Zurück bleiben wird das Museum außereuropäischer Kulturen. Doch bis das historische Prachtschloss, indem sich das Humboldt-Forum befinden wird, tatsächlich steht, vergehen noch mindestens fünf Jahre. Bereits jetzt könnte diese Zeitspanne sinnvoll genutzt werden, um die Präsentationsmodi der Sammlungen insgesamt zu überdenken. Denn seitdem das World Wide Web so vielfältige Fenster auf die entlegensten Winkel dieser Erde geöffnet hat, sich die Länder im Zuge der globalen Entwicklung immer mehr angeglichen haben, gruselt einem regelrecht in Anbetracht der in Vitrinen zur Schau gestellten kunsthandwerklichen Alltagsobjekte.