Kunstkritikerin & Kuratorin

inside&outside

Eine Gruppenausstellung mit Künstlern aus den Städten Izmir (TR), Istanbul (TR), Stockholm (S) und Frankfurt am Main (D)

Eröffnung: Freitag, 10. Oktober 2008, 19.30 Uhr, im Künstlerhaus ATELIERFRANKFURT e. V.

Die „freitagsküche“ kocht erstmals wieder nach der Sommerpause + im Anschluss DJing im 2.OG des Atelierhauses

Ausstellungsort: ATELIERFRANKFURT e.V., Ausstellungsraum im 4.OG., Gastatelier 3.OG.

Dauer der Ausstellung: 11. Oktober bis 22. November 2008

Do/Fr 17-20, Sa 15-18 Uhr (u. n. V.)

Invitation1

KünstlerInnen: Borga Kantürk (Rauminstallation mit Sound), KUTU (Featuring Mehmet Dere and 94A),Özlem Günyol/ Mustafa Kunt (16-teilige Fotoarbeit), Gökçe Süvari (Wandcollage), Oğuz Tatari (Raumprojekt), Taner Tümkaya (Posterserie), Naneci Yurdagül (Fotografie)

Kuratiert haben die Ausstellung „inside&outside“ Hortense Pisano und Corinna Thiele.

Die Ausstellung „inside&outside“ verhandelt die Frage, wie explizit junge türkische KünstlerRaum definieren, welche Räume sie kreieren, um den Dualismus zwischen Hier und Dort, innen und außen in ihren Arbeiten möglicherweise anders zu denken? Denn obschon die „Szene Türkei“ im eigenen Land vor allem durch die Istanbul Biennale und in Deutschland durch zahlreiche Überblickschauen seit den 1990ern-Jahren zunehmend ins öffentliche Interesse gerückt ist, ist die Reisesituation für Künstler aus der Türkei weiterhin schwierig.

In Anbindung an Michel de Certeaus Deutung des „Raumes als ein Geflecht von beweglichen Elementen“ versteht sich auch die Gruppenausstellung „inside&outside“ als ein Experimentierfeld zur Entfaltung unterschiedlicher Szenarien im Künstlerhaus Atelierfrankfurt. Die insgesamt acht eingeladenen Künstlerinnen und Künstler aus den Städten Izmir, Istanbul, Stockholm und Frankfurt am Main nähern sich der Innen – und Außen-Thematik in ihren Arbeiten nicht nur unter dem Blickwinkel räumlicher und geografischer Kategorien, auch geschlechterspezifische, gesellschaftliche wie institutionelle Ausgrenzungsmechanismen stehen zur Debatte.

Die Ausstellung ist zugleich ein Versuch, den kuratorischen Blick von außen auf die in der Türkei lebenden KünstlerInnen und Gruppen zu vermeiden. So hat die Künstlergruppe KUTU aus Izmir einen eigenen Kunstraum aus Wellpappe in den Ausstellungsraum des Atelierfrankfurt gebaut.

KUTU Art Gallery (Featuring Mehmet Dere and 94A): Rauminstallation aus Wellpappe. Innen: Video- und Bucharbeit „Heim“ von Mehmet Dere, 2008 (Raummitte)
KUTU Art Gallery (Featuring Mehmet Dere and 94A): Rauminstallation aus Wellpappe. Innen: Video- und Bucharbeit „Heim“ von Mehmet Dere, 2008 (Raummitte)

Die von Borga Kantürk entworfene Kunstbox diente in der Vergangenheit bereits wechselnden Künstlern als Präsentationsplattform. Größe und Material des KUTU variieren je nach Ausstellungsort. Für die Realisierung der Frankfurter Version war Architekt Evrim Yigit verantwortlich. Kuratorin und Künstlerin Gökçe Süvari nutzt die portable KUTU Art Gallery, um das aktuelle Raumprojekt ihres Kollegen Mehmet Dere vorzustellen.

„Heim“ nennt Dere seine zweiteilige Arbeit, die anhand eines mit der Handkamera aufgenommenen Videos und anhand eines Heftes dessen in Gürcesme (Izmir) initiierten Off-Space vorstellt. In einem vorübergehend leer stehenden Laden betrieb Dere ein Jahr lang einen Kunstkiosk. In dem hauptsächlich von ostanatolischen Einwanderern und Roma bewohnten Distrikt in Izmir übernahm der Kunstkiosk „49A“ während seines Bestehens zunehmend die Funktion eines sozialen Treffpunktes.

Die in Izmir lebende Künstlerin Gökçe Süvari hat für die Ausstellung eine großformatige Wandzeichnung geschaffen. In Form von Papiercollagen und Schriftbildern erzählt die Arbeit „From the Story of the Girl, Lost under the Table“ kurze Episoden aus der bewegten Familiengeschichte der Künstlerin.

Gökçe Süvari: „From the Story of the Girl, Lost under the Table“, Wandmalerei und Papiercollagen, 2005-2008
Gökçe Süvari: „From the Story of the Girl, Lost under the Table“, Wandmalerei und Papiercollagen, 2005-2008

In Form von Papiercollagen und Schriftbildern erzählt die Arbeit „From the Story of the Girl, Lost under the Table“ kurze Episoden aus der bewegten Familiengeschichte der Künstlerin. Die auf mündlichen Überlieferungen basierenden Geschichten geben einschneidende Ereignisse – traurige Familienschicksale, ausgelöst durch Kriege als auch aufgrund der politischen Verhältnisse – wieder. Dabei kontrastiert der Textinhalt zu den romantisch bis kindlich verspielten Zeichnungen Gökçe Süvaris. Zugleich lässt die Künstlerin die Schrift in ihrer Arbeit zum Bild werden. Eigens zur Ausstellung erscheint eine erstmals ins Deutsche übersetze Publikation.

Schickt Gökçe Süvari ihre Erzählfigur auf eine literarische Reise von Ex-Jugoslawien in die Türkei, scheint in Borga Kantürks Installation „His Master’s Voice and Mihiri Musfik“ (Sound und Malerei) die Zeit still zu stehen. Borga Kantürk hat im 4. OG des Atelierfrankfurt das Interieur eines schmalen Korridors aus einem bekannten Hotel in Istanbul rekonstruiert. Sowohl die Blümchendekor-Tapete, das gemalte Porträt einer Frau an der Wand als auch die aus einer Ecke des Korridors erklingende melancholische Frauenstimme, welche den bekannten türkischen Schlager „Unutturamaz Seni Hic Bir Sey!“ wiedergibt, erinnern an die 1950er-Jahre. In einer permanenten Kreisbewegung lässt der Künstler eine kleine Figur, jenen von alten Schelllackplatten bekannten Hund namens Nipper, auf einem aus Styropor gebauten, veralteten Schallplattenspieler rotieren.

Özlem Günyol (*1977) und Mustafa Kunt (*1978) zeigen in der Ausstellung eine neue aus 16 Bildtafeln bestehende Fotoarbeit (O.T., 2008). Günyol & Kunt beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit Fragen nach der kulturellen und staatlichen Zugehörigkeit als auch mit politischen und persönlichen Themen. Oft verbirgt sich hinter der sichtbaren Oberfläche ihrer Werke eine zweite Bedeutungsebene. So ist auch der Sternenhimmel ihrer aktuellen Fotoarbeit für das Atelierfrankfurt weniger romantisch als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Özlem Günyol & Mustafa Kunt: O.T., Fotoprints, 2008
Özlem Günyol & Mustafa Kunt: O.T., Fotoprints, 2008

Beide Künstler sind in Ankara geboren und haben an der Hacettepe Universität in Ankara Bildhauerei studiert. Günyol studierte außerdem von 2001 bis 2006 bei Ayse Erkmen an der Städelschule Frankfurt. Der diesjährigen Preisträger der Jürgen Ponto-Stiftung Mustafa Kunt beendete sein Studium an der Städelschule 2007.

Im Internet stieß der Frankfurter Künstler Naneci Yurdagül auf eine Serie von Plattencovern, worauf das Porträt des bekannten türkischen Sängers und Dichters Zeki Müren jeweils zentral abgebildet war. Yurdagül stellte darauf eine eigene Zeki Müren Plattensammlung zusammen.

Naneci Yurdagül:
Naneci Yurdagül: Zeki Müren, 2008

Seine in der Ausstellung erstmals gezeigte Fotoserie veranschaulicht anhand der Coverbilder den optischen Wandel des Sängers. Erfüllte Zeki Müren in den frühen 1960er-Jahren noch das Klischee vom romantischen Macho, der sich mit einer schwarzen Schmalzlocke porträtieren lässt, verkörpert er in den 1970er Jahren zunehmend den Typus eines weiblichen Vamps. Müren war in der Türkei bekannt für seine extravaganten Bühnenperformances. So betrat Müren bereits in den 1960er-Jahren im kurzen Minirock die Bühne. Mit seiner Fotoprintserie von Plattcovern verweist Naneci Yurdagül auf ein paradoxes Phänomen in der Türkei: Zwar wird die campe Kultur unter den Stars der Musik- und Celebrity-Szene geduldet. Auch ist Homosexualität in der türkischen Republik nicht verboten. Doch schützt die Popularität von Stars wie Zeki Müren die in der Türkei lebenden Trans- oder Homosexuelle nicht vor den sich wieder häufenden tätlichen Angriffen in der Öffentlichkeit.

 Oğuz Tatari: „95 Quadratmeter“, mehrteiliges Raumprojekt, 2008, Detailaufnahme
Oğuz Tatari: „95 Quadratmeter“, mehrteiliges Raumprojekt, 2008, Detailaufnahme

Oğuz Tatari (*1979) absolviert derzeit in Weimar an der Bauhaus-Universität den postgraduierten Studiengang „Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien“. Tataris Performances und Aktionen ähneln Recherchestudien. Provokant lenkt der Künstler den Blick auf sein gegenwärtiges gesellschaftliches Umfeld und oft macht er sich Meinungsträger wie Tageszeitungen zu Nutze, um Ordnungssysteme zu hinterfragen. In Weimar untersuchte Tatari zusammen mit Ronen Eidelman, ob Nicht-EU-Bürger, in den Besitz einer Waffe gelangen können. Scheiterte Tataris Aktion „Schützen“ an den strengen Waffengesetzten in Deutschland, fand er für sein Projekt „95qm“ in Frankfurt zahlreiche Teilnehmer. Sechs Wochen lang stellte Tatari sein Gastatelier im Atelierfrankfurt als Kunstraum zur Verfügung. Der Künstler avancierte zum Kurator, der Betrachter zum Künstler. Die in dieser Zeit entstandenen Arbeiten und Veranstaltungen werden jetzt im Gastatelier (3. OG) präsentiert und dokumentiert.

Taner Tümkaya: „I don’t want to die on this planet, because I’am fucking special“, Posterprint-Serie, 2008
Taner Tümkaya: „I don’t want to die on this planet, because I’am fucking special“, Posterprint-Serie, 2008

Taner Tümkaya, 1977 in Iskenderun/Türkei geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Städelschule in Frankfurt in der Klasse von Simon Starling. Er umkreist seine künstlerischen Themen mithilfe der verschiedensten Medien. In seinen konzeptionellen Arbeiten verbinden sich visuelle, linguistische und atmosphärische Strukturen. Das Posterprojekt Taner Tümkayas für die Ausstellung „inside&outside“ bezieht sich auf ein Graffiti, das der Künstler zuerst auf eine Häuserwand in Frankfurt gesprüht und darauf aus seinem Atelierfenster heraus fotografiert hat. Die aktuelle Posterarbeit für den öffentlichen Stadtraum trägt den Titel „I don’t want to die on this planet, because I’am fucking special“.