Kunstkritikerin & Kuratorin

Hans im Glück oder: What about German Identity?


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Ort: K2 Contemporary Art Center, Izmir / Türkei

Eröffnung: Freitag, 7. Dezember 2007, 18 Uhr

Ausstellungsdauer: 8. Dezember 2007 – 19. Januar 2008

Kuratoren: Hortense Pisano und Corinna Thiele, Frankfurt am Main

Amalia Barboza (Video), Nathalie Grenzhaeuser (Video), Bettina Gründel (Video), Özlem Günyol & Mustafa Kunt (Video), Eva Köstner (Zeichnung/ Video), Jens Lehmann (Malerei), Mara Monetti (Fotografie), Anny & Sibel Öztürk (Zeichnung/Installation), Gregor Maria Schubert (Video), Eva Schwab (Malerei), Sandip Shah (Videoinstallation).

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Die Gruppenausstellung „Hans im Glück“ zeigt elf Positionen von Frankfurter Künstlerinnen und Künstlern, deren Videos, Zeichnungen und Bilder die hierzulande geführte Debatte um deutsche Identität erweitern. Welche Vorstellungen knüpfen sich an Zuschreibungen wie „typisch deutsch“? Lassen sich die normativen Nationalklischees und fest gefügten Bilder tatsächlich auf die junge Generation übertragen; oder existieren in einer Stadt wie Frankfurt, in der rund 26 Prozent ausländische Einwohner leben, nicht vielmehr unterschiedliche Kulturgemeinschaften?

In seiner Abhandlung über die „Philosophie des Glücks“ verweist Ludwig Marcuse auf das gleichnamige Märchen „Hans im Glück“ aus der Sammlung der Brüder Grimm. Nach Marcuse ist der junge Held, „dieser Märchenhans“, der Erste, der das Glück in die Reichweite des Einzelnen brachte. Motiviert von dem Gedanken „jeder ist seines Glückes Schmied“, verließen Anfang der 60er Jahre türkische Familien ihre Heimat, um in Deutschland eine zweite zu finden. Welche Heimat, die erste oder die zweite, ist für jene in Frankfurt lebenden Künstler mit türkischen Wurzeln ihr zu Hause? Was bedeutet der Begriff „Heimat“ in einer von Migranten der 1. und 2. Generation mit gestalteten Gesellschaft?

Die Künstler und Künstlerinnen der Ausstellung schildern Ihre Erfahrungen und die Suche nach eigener Identität oftmals aus einer sehr persönlichen Sichtweise, die zugleich eingebettet ist in einen globalen Kontext. So versucht die Ausstellung über nationale Klischees hinweg kollektive Erfahrungen sichtbar zu machen, basierend auf dem kulturellen Austausch zwischen der Türkei und Deutschland:

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Anny und Sibel Öztürk haben an der Frankfurter Städelschule studiert. Anny Öztürk (1970 geboren in Istanbul) beendete ihr Studium als Meisterschülerin von Christa Näher, ihre Schwester Sibel Öztürk (1975 geboren in Erlenbach) war Meisterschülerin von Ayse Erkmen. In den Raumarbeiten und Videos der Künstlerinnen spielt die Erfahrung sich zwischen zwei kulturellen Traditionen zu bewegen oft die tragende Rolle. Im Rahmen der Gruppenschau „Call me Istanbul“ bauten Anny und Sibel Öztürk 2003 etwa aus vorgefundenen Materialien ein schlichtes Holzhaus ins ZKM Karlsruhe. A better world lies in front of me, so der Titel der damaligen Installation, zeigte ein türkisches Gecekondu  (ein über Nacht gebautes Haus) in Deutschland. 2006 rekonstruierten die Künstlerinnen in der Ausstellung „Projekt Migration“ das Wohnzimmer ihrer Großtante aus Istanbul mit allem, was an Mobiliar und Atmosphäre dazugehört. Der Schauplatz ihres aktuellen Videos ist eine grüne Wiese. Irgendwo in Deutschland, darauf deuten die Schaulustigen im Video hin haben sich die Schwestern zum Picknicken getroffen und eine an Joseph Beuys angelehnte „Nö-Performance“ abgehalten. Während die eine Schwester die Rolle der traditionell geprägten Kopftuch-Trägerin übernimmt, repräsentiert die jüngere Schwester aufgrund ihrer Kleidungen den Typus der angepasst westlichen Frau. „Nönönö“ und „Jajajaja“, so der stoische Ausruf der Frauen, die beide geflissentlich aneinander vorbeischauen. Mit ihrer „Nö-Performance“ verweisen Sibel und Anny Öztürk auf jene unterschiedlich gelebten Parallelwelten türkischer Migranten in Deutschland.

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Auch in den Bildern der Malerin Eva Schwab (*1966) spielt die eigene Familiengeschichte eine wichtige Rolle. Erinnerungen an die Ferien bei den Großeltern sind Ausgangspunkt der 2006 entstandenen Aquarellserie „Jagdbild“. Die erdigen Töne einer kargen Winterlandschaft kontrastieren zu kräftigen Grün- und Violettönen. Das romantische Gefühl als Betrachter einer unberührten Natur zu begegnen, verschwindet spätestens, sobald man auf einigen Bildern akkurat aufgereihte Tierkadaver erblickt. Die Trophäen der ebenfalls abgebildeten sichtlich stolzen Jagdrunde vermitteln den Eindruck eines systematischen wie sinnlosen Tötens. Die aus den 1950ern bis in die 1970er Jahre aus dem Familienalbum entnommen Motive spitzen die Klischees von der unbeschwerten deutschen Heimatromantik zu und machen zugleich nachdenklich.
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Was hat ein Deutschmann mit Minigolfen zu tun? Regisseur, Künstler und Musikjournalist Gregor Maria Schubert (*1970, Rüsselsheim) gewährt Einblick in eine Volkssportart, die obschon sie als typisch deutsch gilt, nur wenig in der Öffentlichkeit bekannt ist. „Ball of Fame“ ist eine humorvolle Videodokumentation über die Finessen und geheimen Tricks passionierter Minigolfspieler.

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Mara Monetti (*1976, Frankfurt) hat an der Hochschule für Gestaltung Offenbach Visuelle Kommunikation studiert, es folgte ein Studium der Kunstgeschichte an der J.W. Goethe-Universität Frankfurt. Für ihre Fotoserien schlüpft die Künstlerin in immer neue Rollen und ironisiert weibliche Darstellungsklischees. In Monettis „Pin-Up-Kalender 2007“ inszenieren sich wiederum Künstler und Freunde in aufreizenden Posen vor der Kamera. Was typisch männlich ist, kann man sich 12 Monate lang von einem zum nächsten Kalenderblatt fragen.

Mit der Allgegenwart von Überwachungsmedien und der damit verbundenen Kontrolle des menschlichen Körpers konfrontiert Sandip Shahs (*1972, Darmstadt) Videoinstallation im Foyer des K2 Künstlerhauses. Am Eröffnungsabend der Ausstellung zeichnet die Kamera des ehemaligen Nitsch-Schülers live auf!

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Einen Film über die Angst vor dem Fremden und zugleich über die Faszination des Neuen, über den Ausbruch aus dem alltäglichen Leben, der sich anfangs als schwierig erweist, dann doch ein Happyend findet, hat Bettina Gründel (*1976, Berlin) gedreht. „Eine ungewöhnliche Reise“ lautet der Titel ihrer prämierten Diplomarbeit. Die Tochter einer koreanischen Mutter und eines deutschen Vaters lebt in Frankfurt am Main.

Nathalie Grenzhaeusers (*1969, Stuttgart) Videoarbeit, ursprünglich eine Diaprojektion mit dem Titel „Hans im Glück“, fängt in poetischen Einzelbildern das „kleine Glück“ eines Künstlers ein. Die Anonymität eines Frankfurter Stadtviertels im 70er-Jahre-Plattenbaustil diente als Kulisse für die winterlichen Aufnahmen. Als modernes Märchen, indem sich Fiktion und Dokumentarisches überlagern, beschreib die Sybilla Merian-Preisträgerin von 2007 ihren 6-Minüter.

Die Suche nach dem „großen Glück“, die Versprechen sozialer Utopien, thematisiert dagegen Eva Köstner (*1964, Frankfurt) in ihrer neue Zeichenserie und parallel dazu in ihrem neuen Film „The death by description“. Köstners 2007 in England entstandener 2d-Film stellt ähnlich wie ihre Zeichnungen die Klischees vom formbaren, fleißigen und kontrollierbaren Menschen in Frage.

„Jugendzimmer und Natur“ oder „Sozialromatik“ nennt der Frankfurter Maler Jens Lehmann (*1968) seine zwischen 2000 und 2005 entstandene Bildserie. Auf die Einheitsarchitektur moderner Wohnblocks aus der Zeit der 1970er-Jahre und auf die individuelle Gestaltung der Innenräume durch deren Bewohner lenken seine Bilder den Blick und vermitteln dabei etwas vom Lebensgefühl und von der gesellschaftlichen Vision des Sozialstaates Deutschland.

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Oezlem Günyol und Mustafa Kunt sind beide in Ankara geboren und haben an der Städelschule in Frankfurt studiert. Ihr aktuelles Video „section I“ basiert auf einer Szene aus Zeki Demirkubuz Film „Itiraf“, der ursprünglich in der Heimatstadt der Künstler in Ankara gedreht wurde. Den Drehort haben Günyol und Kunt nun in die heimische Frankfurter Küche verlegt, um den Dialog aus einer Filmsequenz dort zu reinszenieren. Der Kameraausschnitt bietet dem Betrachter allerdings nur einen schmalen Einblick in ihre Privatsphäre und lässt uns dennoch Zeuge eines brisanten Beziehungskonflikts werden.

Amalia Barboza ist 1972 in Buenos Aires (Argentinien) geboren und hat in Madrid Bildhauerei und Soziologie studiert. Die promovierte Soziologin rekonstruiert nicht nur modellhaft die Gleichförmigkeit moderner Plattenbausiedlungen. Neben skulpturalen Objekten wie den „Hochhäusern“ entstand 2003 während eines Aufenthaltes in Dresden ihre Videoarbeit „Dachwohnung“. Barbozas in Izmir vorgestelltes Video dokumentiert die Lebensweise und erstaunliche Erfindungsgabe von Leuten, die in Dresden unter einer Dachschräge wohnen.

Die Ausstellung „Hans im Glück“ ist Teil einer Kooperation zwischen den Künstlerhäusern K2 Contemporary Art Center (Izmir) und dem ATELIERFRANKFURT (Frankfurt am Main). 

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Ausstellungsort: K2 CONTEMPRARY ART CENTER, Cumhuriyet Blv. No: 54 Büyük Kardiçalı Han, Kat:2 Konak-Izmir/Turkey, T (+90) 232 445 31 51, Öffnungszeiten: Di bis Sa 12.30 – 17 Uhr, www.k2text.blogspot.com