Kunstkritikerin & Kuratorin

words&sounds V

Marc Nothelfer: News from the mothership
Eröffnung: 5. November 2010, 20 Uhr im Hafen 2 / Kunstraum (1.OG) in Offenbach, bis 12.12.2010

„X-102 und X-103 behandeln jeweils eines der großen Themen des Afro-Futurismus und der Afro-Nautik, wie Kodwo Eshun das Motivgeflecht aus Herkunftsphantasien und Utopien, strategischer Gegengeschichte und eskapistischer Mythologie, progressiven Paradoxien und irrsinnigen Idyllen nennt, das die Suche nach einem entweder unter Wasser, im Weltall oder in bestimmten Nischen der Geschichte Ägyptens und Äthiopiens gelegenen transhistorischen schwarzen Ort auslöst, … . “ *

Marc Nothelfers für die Reihe „words&sounds“ konzipierte Ausstellung trägt den Titel „News from the Mothership“. Anhand von drei unterschiedlichen Medienarbeiten, einem Video, das seine im Vorjahr begonnene Serie der „Techno Transmitter“ fortsetzt, in Vitrinen ausgelegten Objekten und einer großformatigen Wandarbeit, baut Nothelfer ein dichtes Referenzsystem aus naturwissenschaftlichen Welterklärungsmodellen und utopischen Gegenwelten im Ausstellungsraum auf.

 Techno Transmitter Prt. V – Inside / Outside, HD-Video, ca. 6.00 min.

Nothelfers Video „Techno Transmitter Prt. V“ zeigt in der Anfangseinstellung ein schwarzes Filmbild, aus dessen Hintergrund, wie aus dem Nichts, ein neongrüner Polyeder auftaucht. Das dreidimensionale Gebilde beginnt sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Die minimale Drehbewegung des Kristalls in einem grenzenlos wirkenden Raum weckt Assoziationen an das Raum-Zeit-Gefüge des Weltalls. So fühlt man sich an schwebende Flugkörper erinnert, wie sie in Science-Fiction-Filmen häufig dargestellt werden. Der technoartige Sound betont die Ikonografie der Filmbilder.

Auf die beschriebene Anfangssequenz folgen zwei Hauptteile, deren thematischer Rahmen durch zwei Titel angekündigt wird: „Prt. I – Drexciya“ und „Prt. II – Outer Space“. Mit „Prt. I – Drexciya“ spielt Nothelfer auf den Namen einer Techno-Band an, die in den 1990er-Jahren in Detroit erfolgreich vier Alben produzierte und es dabei vorzog, anonym zu bleiben. Den Mythos um ihre Identität nährte die Band zusätzlich, indem sie Motive des Science-Fiction-Genres zitierte als auch die Legende der Unterwasserwelt Drexciya, die auf die Verschleppung schwarzer Sklaven zurückging, aufleben ließ. Ihren Elektro-Sound stilisierte die Band zu einer Art Zukunftsmusik. Auf der Bild- und Ton-Ebene wurde das Versprechen aufgebaut, schon in der Jetzt-Zeit in neue Welten abtauchen zu können.

Wie in früheren Sound-Installationen und Filmarbeiten schöpft Marc Nothelfer, selbst Jahrgang 1979, auch in seinem aktuellen Video aus dem ästhetischen, akustischen wie auch ideologischen Reservoir der Elektro- und Techno-Kultur.

„Techno Transmitter Prt. I – Jack’s Four to the Floor Mix“ lautet der Titel seiner Sound-Installation aus dem Jahr 2009. Sechzehn Sätze, beispielsweise „I see the light. I feel Love. Jack your body“, welche die narrativlosen Phrasen von Techno-Sounds verbalisierten, wurden von einem Sprecher rezitiert. Die männliche Stimme wurde nachträglich durch einen Hall-Effekt verfremdet und auf einer sogenannten Dubplate Schallplatte als Teil der Installation „Techno Transmitter I-III“ abgespielt.

Das vom Künstler angewandte Verfahren lässt sich mit dem dadaistischen Prinzip der Collage vergleichen. Medial verbreitete Bilder und prägnante Sätze löst er aus ihrem Kontext heraus und mischt die Fragmente neu ab. So ist sein neues Video, das in diesem Jahr größtenteils während eines Residency-Aufenthaltes in Helsinki entstand, eine Collage aus Bild- und Textquellen unterschiedlicher Herkunft.Auf die Studioaufnahme eines Modells reihen sich Sequenzen, die aus Found-Footage-Filmmaterial zu bestehen scheinen. Tatsächlich handelt es sich um Videoaufnahmen, die Nothelfer in einem naturkundlichen Museum, in einem Science-Center als auch in einem botanischen Garten in diesem Sommer in Helsinki gemacht hat. „Prt. I – Drexciya“ zeigt Nothelfers Aufnahmen von einer Unterwasserwelt als auch von konservierten Fischen. Parallel dazu wird auf der Sprachebene eine Verbindung zwischen Science-Fiction und schwarzer elektronischer Undergroundmusik hergestellt.

In „Prt. II – Outer Space“ wurde den realen Videoaufnahmen aus einem botanischen Garten sowie den konstruierten Bildaufnahmen aus einem Science-Center ein ambientartiger Sound unterlegt. Vergleichbar mit der Machart eines naturkundlichen Filmes dokumentiert ein Erzähler die Sequenzen. Dabei handelt es sich um Auszüge aus Aristoteles „Meteorologie“ – einem Text des Naturphilosophen über die Geowissenschaften. Der Schlusspart des Videos, eingeleitet durch den Titel „Epilogue – Archaeology of Nowhere“, führt hinaus in die freie Natur. Folgt man jener Fährte, die der Titel auslegt, wird in dieser Sequenz die Arbeit eines archäologischen Expeditionstrupps dokumentiert. Ohne Tonspur sind Aufnahmen von einer kargen, bizarren Felslandschaft zu sehen. An zerstörte Industrielandschaften oder an exterrestrische künftige Welten lassen die Bilder denken. Das Video endet mit der Rückenansicht einer sitzenden Person, die in einen panoramaartigen Himmel schaut.

„Techno Transmitter Prt. VI – Psionic Imprint (dark energy psycho mix)“, Wandbild, (6x3m) 2010

Als Vorlage für das Wandbild „Techno Transmitter Prt. VI“ diente Marc Nothelfer ein Hologramm, das er auf eine zweidimensionale Bildfläche und in einen vergrößerten Maßstab übertrug. Anders als im Video blickt der Betrachter nun quasi vom Weltall aus und damit von außen auf die dargestellte Hälfte der Erdkugel. Während die Bildvorlage (das Hologramm) auf Vermittlungsmodelle verweist, wie man sie häufig in Technikmuseen vorfindet, ist die Verwendung der neongrüne Farbe und das geometrische Muster auf dem schwarzen Bildhintergrund eine eindeutige Reminiszenz an die Techno-Club-Kultur.

Indem Marc Nothelfer naturwissenschaftliche Weltmodelle in seinen Arbeiten permanent mit den fiktiven Weltentwürfen der elektronischen Undergroundmusik verwebt, gelingt es ihm, von der Natur zur Gesellschaft eine Verbindungslinie zu ziehen und Fragen über deren gegenwärtigen Entwicklungsstand aufzuwerfen.

Nothelfer nutzt dabei bekannte mediale Bilder als auch kulturelle Codes, die auf den ersten Blick ein Déjà-vu-Erlebnis versprechen. Auf den zweiten Blick entzieht sich das vermeintlich Bekannte jedoch. Der Betrachter bleibt zurück in einem Labyrinth aus Fragmenten. Nothelfers lückenhafte Erzählart ist nichts anderes als der Versuch, der Falle der Repräsentation bzw. der dokumentarischen Aufarbeitung zu entgehen. Dafür sind auch seine auf zwei Vitrinen („Die Seele und die Formen der Arbeit“, „Imagination, Erscheinung, Evidenz“) verteilten plastischen Arbeiten ein Indiz in der Ausstellung im Hafen 2:

„Techno Transmitter Prt. VII“ –

„A: Die Seele und die Formen ihrer Arbeit“

  • „Die Seele als Gravitation“, Papiermodell, 2010
  • „Die Seele als Figuration“, Papiermodell, 2010
  • „Die Seele als Landschaft“, Papiermodell, 2010

B: „Imagination, Erscheinung, Evidenz“

  • „Das Modell eines Kraters“, Diorama, 2010
  • „Aqua-Whormhole“, Fadenmodell, 2010
  • „Institute of Meta-Archaeology and Imagination“, Fotografien, Aufnäher, Dubplate, Lithografie, getrockneter Schlafmohn, 2010

Marc Nothelfer, 1979 in Köln geboren, studierte von 2000 bis 2007 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Visuelle Kommunikation und Freie Kunst bei Prof. Heiner Blum (Diplom). 2007 gelangte er unter die „seven best“ des Szpilman Awards für ephemere Kunst. In diesem Jahr gehört er zu den Artist-in-Residence-Künstlern des Kulturamtes der Stadt Frankfurt (Aufenthalt in Helsinki).

Herzlichen Dank: Die Ausstellung wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie vom Kulturbüro der Stadt Offenbach am Main gefördert.

Anm.:*  Dietrich Diederichsen: „Verloren unter Sternen. Das Mothership und andere Alternativen zur Erde und ihren Territorialien.